Wer hat den Flügelspielern gesagt, sie sollen den Flügel verlassen?
Der Flügelspieler hat die Außenbahn verlassen. Soll der Außenverteidiger ihm folgen oder die Übergabe an einen Mitspieler übernehmen lassen? Es klingt nach einer kleinen Entscheidung, kann aber bestimmen, wo Räume entstehen und wer sie nutzen kann.
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Die Aufstellung zeigt den Flügelspieler nahe der Seitenlinie. Zehn Minuten später empfängt er den Ball jedoch zentral, lässt sich zwischen Mittelfeld und Abwehr fallen, taucht im Strafraum auf und erscheint vielleicht sogar auf der gegenüberliegenden Seite. In diesem Moment liegt die Frage nahe: Sollte er nicht eigentlich dort draußen bleiben?
Die Sache ist: Er hat seine Position nicht unbedingt verlassen. Oft ist genau das Teil des Plans.
Formationsgrafiken zeigen, wo ein Spieler beginnt. Sie legen aber nicht fest, wo er sich über das gesamte Spiel hinweg aufhalten wird. Die Wahrheit ist: Flügelspieler haben den Flügel nicht aufgegeben; sie sind nur weniger daran interessiert, dauerhaft dort zu bleiben.
Jenseits der Grundlinie
Lange Zeit war die Aufgabe eines Flügelspielers relativ klar. Er positionierte sich nahe der Seitenlinie und erhielt dort den Ball. Anschließend ging er ins Eins-gegen-eins mit dem gegnerischen Außenverteidiger und versuchte, bis zur Grundlinie durchzubrechen. Von dort aus suchte er meist die Flanke auf den Stürmer. So zog er den Gegner in die Breite und gab der eigenen Mannschaft mehr Raum in horizontaler Richtung.
Ryan Giggs war besonders in seiner besten Zeit als Flügelspieler bei Manchester United ein klassisches Beispiel für diese traditionelle Rolle. Als Linksfuß auf der linken Seite nutzte er Tempo und Dribbling, um Außenverteidiger außen zu überwinden und anschließend den Ball in den Strafraum zu bringen.
Mit der Zeit wurde jedoch ein anderer Angreifertyp immer vertrauter. Der invers agierende Flügelspieler war keineswegs neu, doch spätestens zu Arjen Robbens Glanzzeit beim FC Bayern München war dieses Profil auf höchstem Niveau deutlich häufiger zu sehen. Der niederländische Nationalspieler kam überwiegend über rechts, obwohl sein starker Fuß der linke war. Er nahm den Ball in breiter Position auf und zog anschließend Richtung Tor. Dadurch konnte er sich einen Abschlusswinkel öffnen oder in zentralen Räumen mit seinen Mitspielern kombinieren.
Robben war allerdings nicht der Endpunkt dieser Entwicklung. Die gleiche Grundidee ist im modernen Fußball weiterhin leicht zu erkennen, aber invers zu spielen ist nur ein Teil der Geschichte.
Mohamed Salah etwa sorgte während eines großen Teils seiner Zeit beim FC Liverpool von rechts für Gefahr, indem er auf seinen stärkeren linken Fuß nach innen zog. Bei Salah geht es aber nicht nur darum, außen den Ball zu bekommen und dann nach innen zu ziehen. Ein großer Teil seines Spiels entsteht durch Bewegungen ohne Ball und durch sein Timing beim Einlaufen in Abschlusspositionen.
Diese Läufe ohne Ball führen ihn regelmäßig weg von der Seitenlinie und in zentralere Räume. Dadurch befindet er sich deutlich näher am Stürmer als ein klassischer, rein außen agierender Flügelspieler. Der Ägypter kann außerdem Verteidiger nach innen ziehen und dadurch außen Räume für seine Mitspieler öffnen.
Salah mag auf der rechten Seite starten, doch viele seiner gefährlichsten Aktionen finden im Strafraum statt.
Das zeigt, dass Flügelspieler unabhängig von ihrer Ausgangsposition auch als zusätzliche Angreifer agieren können.
Wenn der Flügelspieler einrückt – wer folgt ihm?
Hier beginnt das Dilemma des Verteidigers. Der Flügelspieler ist zwischen die Linien gerückt, und der Außenverteidiger muss nun entscheiden: Soll ich ihm nach innen folgen und die Außenbahn freigeben? Oder bleibe ich in meiner Position und riskiere, dass er zentral mit Zeit und Raum an den Ball kommt?
Vielleicht denkt er auch: Soll ich ihn an unseren Mittelfeldspieler übergeben? Großartig. Aber wenn dieser ihm aus seiner üblichen Zone folgt, lässt er womöglich einen anderen Angreifer im Zentrum frei.
Im rekordträchtigen Hinspiel des UEFA-Champions-League-Halbfinals 2025/26 zwischen PSG und dem FC Bayern München zeigte Désiré Doué eindrucksvoll, wie störend ein Flügelspieler sein kann, wenn er seine angestammte Seite komplett verlässt.
Doué ist ein vielseitiger Offensivspieler, begann an diesem Abend im Parc des Princes jedoch auf der rechten Seite. Dort blieb er allerdings nicht. Immer wieder zog er über das Feld hinweg auf die andere Seite, um sich dort mit seinem Mitspieler Khvicha Kvaratskhelia zusammenzutun. Plötzlich hatte PSG beide Flügelspieler auf derselben Seite. Für Bayerns Linksverteidiger Alphonso Davies kann eine solche Bewegung zu einer schwierigen Entscheidung führen: Soll ich Doué bis auf die andere Seite verfolgen oder ihn übergeben?
Folgt Davies ihm, kann er aus dem Raum gezogen werden, den er normalerweise absichern soll. Das eröffnet PSG die Möglichkeit, das Spiel zu verlagern und den Raum anzugreifen, den er hinterlassen hat. Folgt er ihm nicht, kann Doué vorübergehend frei werden. Gleichzeitig könnte ein anderer Bayern-Verteidiger plötzlich sowohl ihn als auch Kvaratskhelia verteidigen müssen.
So oder so kann Doués Positionierung Bayerns Abwehrkette schon Probleme bereiten, bevor er den Ball überhaupt bekommt.
Keine sichere Seite: Wähle dein Problem
Verteidiger lieben Muster. Erkennt man die bevorzugte Route eines Flügelspielers, ist die halbe Arbeit getan. Zieht er immer nach innen, kann man diesen Weg schließen und ihn nach außen zwingen. Geht er lieber außen vorbei, macht man stattdessen die Linie zu. Doch was passiert, wenn er auf beide Arten gefährlich werden kann?
Genau das macht Lamine Yamal zu einem Albtraum für Verteidiger.
Der Barça-Offensivspieler ist Linksfuß und startet normalerweise auf der rechten Seite. Dank seiner außergewöhnlichen Dribblingstärke kann er an mehreren Gegenspielern vorbeiziehen und sie dabei teilweise auf dem falschen Fuß erwischen. Manchmal übernimmt er die klassische Rolle und geht außen an seinem Gegenspieler vorbei. Von dort kann er den Ball von der Seite in den Strafraum bringen. In anderen Situationen kommt der inverse Flügelspieler zum Vorschein: Er zieht auf seinen stärkeren Fuß nach innen. Anschließend kann er rund um den Strafraum Chancen kreieren oder selbst den Abschluss suchen.
Das Problem für Verteidiger besteht nicht darin, dass irgendeine dieser Bewegungen neu wäre. Es besteht darin, dass sie sich nicht einfach auf nur eine Variante vorbereiten können. Weil Yamal flanken, für einen Mitspieler auflegen oder selbst abschließen kann, liegt die Unberechenbarkeit nicht nur darin, wohin er zieht, sondern auch darin, wie der Angriff endet.
Und nicht nur der Flügelspieler selbst hält die Abwehr in Unsicherheit. Mit wem er kombiniert und welche Wege diese Mitspieler anschließend gehen, kann genauso schwer zu verfolgen sein.
Nehmen wir Michael Olise. Der Franzose erhält den Ball häufig nahe der rechten Seitenlinie. Von dort kann er ihn entweder ins Zentrum tragen oder an die rechte Strafraumkante, wo er selbst den Abschluss suchen oder einen Mitspieler im Strafraum finden kann. Er kann auch einen schnellen Doppelpass spielen. Nach dem ersten Zuspiel setzt er seinen Lauf fort und erhält den Ball zurück. Diese Bewegung kann ihn in eine bessere Position bringen, um entweder eine Chance vorzubereiten oder den Angriff selbst abzuschließen.
Dass Olise nach innen zieht, bedeutet nicht, dass die Außenbahn unbesetzt bleibt. Ein Spieler des FC Bayern München kann nachrücken, diesen Raum übernehmen und für die Breite sorgen. Dadurch erhält Olise außen eine weitere Anspielstation.
Also … ziehen jetzt alle nach innen?
Trotzdem werden manche Flügelspieler ganz bewusst nahe an der Seitenlinie gehalten. Ein taktischer Grund dafür ist, wie gefährlich sie im Eins-gegen-eins sein können.
Jérémy Doku ist ein hervorragendes Beispiel für den klassischen, breit positionierten Flügelspieler. Sein explosives Tempo und sein direktes Dribbling machen ihn extrem schwer zu stoppen, wenn er nur einen Gegenspieler vor sich hat. Baut Manchester City auf einer Seite des Feldes auf, kann der belgische Nationalspieler auf der gegenüberliegenden Außenbahn bleiben, statt sich gemeinsam mit dem restlichen Angriff zu verschieben. Wird das Spiel dann auf seine Seite verlagert, erhält er den Ball nicht mit mehreren Verteidigern um sich herum, sondern kann sich einem isolierten Außenverteidiger gegenübersehen.
Die Logik ist einfach: Bringe deinen besten Dribbler in ein Eins-gegen-eins und sorge dafür, dass der Verteidiger dabei so wenig Unterstützung wie möglich hat.
Am Ende ist weder das Einrücken noch das Halten der Außenbahn automatisch die bessere Lösung. Es hängt davon ab, was der Angriff gerade braucht. Ob ein Flügelspieler näher zum Tor zieht oder breit bleibt, um den Außenverteidiger im Eins-gegen-eins zu attackieren: Er kann eine Abwehr auf unterschiedliche Weise vor Probleme stellen. Den Flügel zu verlassen kann Teil des Plans sein – dort zu bleiben ebenso. Derselbe Spieler kann innerhalb eines einzigen Spiels sogar mehrere dieser Rollen übernehmen.
Wenn ein Flügelspieler also plötzlich an einem unerwarteten Ort auftaucht, ist vielleicht die bessere Frage: Was kann er von dort aus bewirken?