Die Champions League gehört inzwischen zu einem größeren Europa

Die Ligaphase ist längst kein Experiment mehr. Während Como, Sabah, Viking und LASK erstmals dabei sind und Fenerbahçe sowie Real Betis nach fast zwei Jahrzehnten zurückkehren, rückt Europas größte Klub-Bühne für mehr Regionen des Kontinents näher.

Veröffentlicht 27. Aug 2026
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Champions League 2026/27 und die größer werdende Landkarte des europäischen Klubfußballs

Die Ligaphase der Champions League mit 36 Mannschaften ist längst keine Neuheit mehr. 2026/27 geht das 2024 eingeführte System bereits in seine dritte Saison, und die Diskussion klingt heute deutlich anders als damals, als die klassischen Vierergruppen abgeschafft wurden. Die anfängliche Skepsis war nachvollziehbar: zusätzliche Spiele in einem ohnehin überfüllten Kalender, eine gemeinsame Tabelle, die zunächst unnötig kompliziert wirkte, und das Ende einer Struktur, an die sich mehrere Generationen von Fans gewöhnt hatten. Die Belastung der Spieler bleibt ein berechtigter Kritikpunkt und darf nicht kleingeredet werden. Sportlich hat sich die Reform jedoch erstaunlich schnell etabliert – bemerkenswert in einem Spiel, das radikale Veränderungen normalerweise nur widerwillig akzeptiert. Am letzten Abend der ersten Ligaphase spielten alle 36 Klubs gleichzeitig, in 18 Partien fielen 64 Tore und 35 der 36 Teams wechselten während der laufenden Spiele mindestens einmal ihre Tabellenposition. In der zweiten Saison fielen in 144 Ligaphasen-Partien 487 Tore, nach 470 im ersten Jahr. (UEFA) (UEFA)

Das bedeutet nicht, dass alle Fans begeistert sind. Viele vermissen die Gruppenphase, und die zusätzlichen Termine bleiben umstritten. Auffällig ist vielmehr, wie schnell sich die Wahrnehmung verändert hat. In einer Umfrage des niederländischen Fußballmagazins Voetbal International unter 1.081 Leserinnen und Lesern bewerteten im Januar 2025 70,4 Prozent das neue Format positiv; nur 14,1 Prozent vermissten ausdrücklich die alte Gruppenphase, der Rest wollte noch abwarten. Eine einzelne Umfrage kann nicht für ganz Europa sprechen. Sie zeigt aber einen Trend: Nachdem die Ligaphase tatsächlich gespielt worden war, drehte sich die Debatte weniger darum, ob das System verständlich ist, und stärker um die Frage, wie viele zusätzliche Spiele der Fußball verträgt. (Voetbal International)

Ein Grund dafür ist die größere Vielfalt. Statt gegen dieselben drei Gegner jeweils zu Hause und auswärts anzutreten, trifft jeder Klub auf acht verschiedene Teams: zwei aus jedem Lostopf, jeweils eines zu Hause und eines auswärts. Das alte Gruppensystem brachte 48 unterschiedliche Paarungen hervor, die Ligaphase 144. Dadurch entstehen nicht nur mehr Duelle zwischen Topklubs; auch die geografische Bewegung des Wettbewerbs verändert sich. Madrid, München, Paris, Mailand und London bleiben zentrale Orte des europäischen Klubfußballs, doch Baku, Stavanger, Linz oder Como werden selbstverständlicher Teil derselben Bühne. Demokratisch ist die Champions League dadurch nicht geworden. Zwei der vier zusätzlichen Plätze beim Ausbau von 32 auf 36 Teams gehen als European Performance Spots an die in der Vorsaison erfolgreichsten Verbände, wodurch die großen Ligen strukturell stark bleiben. Gleichzeitig kann über den Meisterweg ein nationaler Champion mehr die Ligaphase erreichen, und mehr Klubs erhalten die Chance, länger Teil des Hauptwettbewerbs zu sein statt nur eine Qualifikationsrunde zu erleben. (UEFA-Formatguide)

Como: Die erste Europapokal-Saison beginnt ganz oben

Como zeigt besonders deutlich, wie schnell sich die Perspektive eines Klubs verändern kann. 2024 in die Serie A aufgestiegen, beendete der Verein die Saison 2025/26 auf Platz vier und startet seine allererste Europapokal-Spielzeit direkt in der Champions League. Die UEFA führt die Ligaphase 2026/27 als Comos bestes Ergebnis im Europapokal – schlicht deshalb, weil es vorher keine internationale Saison gab. Unter Cesc Fàbregas muss ein Klub, der vor wenigen Jahren noch auf Serie-B-Niveau arbeitete, nun Champions-League-Standards erfüllen. Das betrifft weit mehr als den Kader. Scouting, Performance, Medien, Partnerschaften, Hospitality, Reisen, Sicherheit, Ticketing und internationale Kommunikation müssen mit dem sportlichen Aufstieg wachsen. Aus Kickwise-Sicht ist Como deshalb ein starkes Beispiel dafür, dass ein sportlicher Sprung immer auch das professionelle Ökosystem hinter einer Mannschaft verändert. (UEFA-Teamprofile)

Sabah: Ein zweiter Weg aus Aserbaidschan auf die große Bühne

Sabahs Geschichte hat eine andere Bedeutung. Aserbaidschan kennt die Champions League bereits durch Qarabağ; es geht also nicht um das Debüt eines Landes. Entscheidend ist vielmehr, dass der Zugang zur europäischen Spitze in einer kleineren Fußballökonomie nicht dauerhaft von nur einer Organisation abhängen muss. Sabah gewann 2025/26 Meisterschaft und Pokal und schaffte anschließend erstmals den Sprung durch die Qualifikation in die Ligaphase. Das Play-off verlief dramatisch: Nach einem 1:2 bei Hapoel Beer-Sheva gewann Sabah das Rückspiel in Baku nach Verlängerung 5:2 und setzte sich insgesamt 6:4 durch. In der UEFA-Koeffizientenrangliste stand der Klub nach der vergangenen Saison auf Platz 244 – institutionell und finanziell weit entfernt von den etablierten Mächten des Wettbewerbs. Genau deshalb ist die Teilnahme relevant. Ein zweiter aserbaidschanischer Klub auf diesem Niveau kann Sponsoren, Akademien, Scouting-Netzwerke und professionelle Standards in einem Markt beeinflussen, der international lange vor allem mit einem einzigen Verein verbunden war. (UEFA-Qualifikation) (UEFA-Teamprofile)

Viking: Norwegens Aufschwung verteilt sich auf mehrere Klubs

Auch Viking steht erstmals in der Hauptphase der Champions League. Der Verein aus Stavanger wurde 2025 nach 34 Jahren wieder norwegischer Meister und setzte sich im Play-off mit insgesamt 5:3 gegen GNK Dinamo durch. Laut UEFA war Vikings einzige frühere Teilnahme an einer UEFA-Gruppen- oder Ligaphase der UEFA-Pokal 2005/06. Besonders interessant wird der Erfolg im Zusammenhang mit Bodø/Glimt. Der Klub aus Nordnorwegen hat sich in den vergangenen Jahren als europäische Größe etabliert und ist auch 2026/27 wieder dabei. Nun erreicht mit Viking ein zweites norwegisches Projekt dieselbe Bühne. Entwicklung wirkt nachhaltiger, wenn sie sich auf mehrere Organisationen verteilt, statt von einem außergewöhnlichen Klub allein getragen zu werden. Stavanger, weit entfernt von den traditionellen Champions-League-Zentren, gehört nun zur regulären Landkarte des Wettbewerbs. (UEFA-Qualifikation) (UEFA-Teamprofile)

LASK: Linz erreicht endlich die Champions League

LASK gelang der dramatischste Einzug der vier Neulinge. Der österreichische Meister verlor das Play-off-Hinspiel bei Celtic mit 0:3 und geriet auch im Rückspiel in Linz zunächst in Rückstand. Danach folgten ein 5:1 nach Verlängerung, ein 5:4 in der Gesamtwertung und die erste Champions-League-Qualifikation der Vereinsgeschichte. So spektakulär dieser Abend war, er sollte nicht den Blick auf die Entwicklung davor verstellen. LASK hatte 2025/26 bereits die österreichische Bundesliga und den ÖFB-Cup gewonnen und damit die sportliche Grundlage geschaffen. Für Linz bringt die Champions League internationale Aufmerksamkeit und neues kommerzielles Interesse; für den Verein bedeutet sie, dass nahezu alle Bereiche in einer bisher unbekannten Größenordnung arbeiten müssen. (UEFA-Qualifikation) (UEFA-Teamprofile)

Die Rückkehrer erzählen die andere Hälfte der Geschichte

Die Teilnehmerliste 2026/27 fällt nicht nur wegen ihrer Debütanten auf. Einige traditionsreiche Klubs mussten erstaunlich lange auf ihre Rückkehr warten. Real Betis war zuletzt 2005/06 in der Hauptphase vertreten und kehrt 21 Jahre nach einer Saison zurück, in der unter anderem Liverpool und Chelsea Gruppengegner waren. Fenerbahçes Pause ist beinahe ebenso lang. Der Klub aus Istanbul spielte zuletzt 2008/09 in der Gruppenphase und scheiterte danach mehrfach in der Qualifikation – obwohl er nur eine Saison zuvor, 2007/08, das Viertelfinale erreicht hatte. Diesmal folgte auf ein 1:1 gegen Lyon in Istanbul ein 2:1-Auswärtssieg und damit ein 3:2 im Play-off. Dass ein Verein mit einer der größten Fangemeinden Europas und erheblichen finanziellen Möglichkeiten 18 Jahre auf die Rückkehr warten musste, zeigt, dass Champions-League-Teilnahmen selbst für große Klubs keineswegs selbstverständlich sind. (Fenerbahçe bei UEFA) (UEFA-Qualifikation)

Roma und AEK Athen erinnern auf einer kürzeren Zeitskala an dasselbe. Roma stand 2017/18 im Halbfinale und erreichte ein Jahr später das Achtelfinale, war seit 2018/19 aber nicht mehr in der Hauptphase vertreten. Auch AEK spielte zuletzt in jener Saison dort und musste für die Rückkehr zunächst griechischer Meister werden und anschließend Levski Sofia im Play-off ausschalten. Betis, Fenerbahçe, Roma und AEK sind sehr unterschiedliche Vereine. Zusammen zeigen sie jedoch, wie wertvoll ein Platz in diesem Wettbewerb geblieben ist. Die Champions League kann Neulinge aufnehmen und gleichzeitig anspruchsvoll genug bleiben, um historisch bedeutende Klubs über Jahre draußen zu halten.

Damit ist die Bedeutung des 36er-Feldes komplexer als die einfache Aussage, eine Erweiterung schaffe mehr Zugang. Die Ungleichheiten im europäischen Fußball bestehen weiter, und die European Performance Spots können ohnehin starke Ligen zusätzlich stärken. Auch die Einnahmelücke zwischen den größten Klubs und dem Rest ist nicht verschwunden. Trotzdem bringt die Ligaphase sehr unterschiedliche Fußballwelten länger in derselben Struktur zusammen. Ein Team aus Topf 4 trifft auf zwei Gegner aus Topf 1 und empfängt einen davon im eigenen Stadion. Für Sabah, Viking, LASK oder Como hängt der Besuch eines europäischen Giganten damit nicht mehr davon ab, mehrere Qualifikationsrunden zu überstehen und anschließend in der richtigen Vierergruppe zu landen; er ist Teil der Architektur der Ligaphase. (UEFA-Formatguide) (Töpfe 2026/27)

Für kleine und mittlere Fußballmärkte können solche Abende weit über das Ergebnis hinauswirken. Ein Champions-League-Klub braucht größere Matchday-Strukturen, internationale Medienabläufe, kommerzielle Aktivierungen, Hospitality, Sicherheit, Reiseplanung, Daten- und Performance-Support, mehrsprachige Kommunikation und anspruchsvollere Recruitment-Prozesse. UEFA-Einnahmen können diese Entwicklung beschleunigen, aber Geld allein schafft keine Nachhaltigkeit. Langfristiger Wert entsteht, wenn ein Klub die Teilnahme nutzt, um Infrastruktur, Akademien und professionelle Abteilungen zu stärken, statt sie nur als einmaligen Geldregen zu behandeln. Gleichzeitig besteht das gegenteilige Risiko: Champions-League-Einnahmen können nationale Unterschiede vergrößern, wenn ein Verein finanziell weit über seine Liga hinauswächst. Die Chance ist groß, die Verantwortung ebenso.

Und dann gibt es einen Effekt, der sich kaum in Zahlen ausdrücken lässt. Für ein Kind in der Sabah-Akademie in Baku findet die Champions League nicht mehr nur in Madrid oder Manchester statt. Für einen jungen Spieler in Stavanger steht plötzlich das Wappen aus der eigenen Stadt in Europas größtem Klubwettbewerb. Das gilt ebenso für Jugendliche, die nicht Profifußballer werden wollen, sondern im Fußball arbeiten möchten. Wo Champions-League-Strukturen entstehen, werden auch Karrieren in Analyse, Coaching, Medien, Marketing, Scouting, medizinischer Performance und Kluborganisation näher und sichtbarer. Der Traum wird dadurch nicht einfach. Aber er bekommt ein lokales Beispiel und wirkt weniger abstrakt.

Vielleicht ist genau das das interessanteste Vermächtnis des Formats vor seiner dritten Saison. Die Diskussion begann mit Zahlen: 36 statt 32 Teams, acht statt sechs Spiele, eine Tabelle statt acht Gruppen. Drei Jahre später ist wichtiger, was diese Zahlen mit der Reichweite des Wettbewerbs gemacht haben. Como, Sabah, Viking und LASK sind erstmals dabei. Real Betis kehrt nach 21 Jahren zurück, Fenerbahçe nach 18; Roma und AEK beenden Pausen, die bis 2018/19 zurückreichen. Es sind völlig unterschiedliche Geschichten – und genau darin liegt ihre Stärke.

Die Champions League bleibt Europas elitärer Klubwettbewerb. Die reichsten und mächtigsten Mannschaften werden weiterhin die Favoritenlisten anführen, und die Belastung durch den Kalender wird zu Recht Thema bleiben. Aber die Grenze um jene Klubs, die sich realistisch auf dieser Bühne vorstellen können, wirkt weniger starr als früher. Die Champions League bleibt Elite. Sie gehört heute nur zu einem etwas größeren Europa.