Bevor die Saison beginnt: Mehr als ein Jahrhundert FA Community Shield
Aus der Trennung zwischen Amateuren und Profis im englischen Fußball der Edwardianischen Ära entstanden, begleitet der FA Community Shield das Spiel seit mehr als einem Jahrhundert und ist heute der traditionelle Auftakt der englischen Saison.
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Es ist nicht immer leicht, genau zu sagen, wann eine englische Fußballsaison wirklich beginnt. Die Spieler kehren Wochen vorher ins Training zurück, Transfergeschichten bestimmen den Sommer, und Testspiele führen die Vereine in alle Teile der Welt. Doch es gibt einen Termin im englischen Fußballkalender, an dem sich die neue Spielzeit plötzlich wirklich nah anfühlt. Wembley – oder gelegentlich ein anderes großes Stadion – füllt sich mit Fans, der Meister der vergangenen Saison trifft auf den FA-Cup-Sieger, und am Spielfeldrand wartet ein unverwechselbarer silberner Schild.
Das ist der FA Community Shield.
Man kann ihn durchaus als englischen Supercup bezeichnen. Technisch gesehen ist er genau das. Doch die Geschichte des Community Shield reicht deutlich weiter zurück als die der meisten vergleichbaren Wettbewerbe. Er ist älter als die Premier League, älter als die moderne Form der europäischen Klubwettbewerbe und sogar älter als Wembleys heutige Rolle als eine der bekanntesten Bühnen des Fußballs. Erstmals 1908 ausgetragen, entstand der Wettbewerb in einer englischen Fußballwelt, die noch klar zwischen Profis und Amateuren getrennt war, und entwickelte sich im Laufe der Zeit zum traditionellen Auftakt der nationalen Saison.
Eine Geschichte, die mit Profis und Amateuren begann
Die Wurzeln des Community Shield führen in eine Epoche des Fußballs zurück, die heute fast wie eine andere Sportart wirkt.
Seinen Ursprung hat der Wettbewerb im Sheriff of London Shield, einem jährlich ausgetragenen Spiel zwischen führenden Profi- und Amateurmannschaften. Damals bedeutete die Trennung zwischen Amateur- und Profifußball weit mehr als nur die Frage, ob Spieler bezahlt wurden oder nicht. Sie stand für unterschiedliche gesellschaftliche Traditionen, verschiedene Auffassungen vom Spiel und teilweise sogar gegensätzliche Vorstellungen davon, wie Fußball überhaupt sein sollte.
Eine der bemerkenswertesten Episoden dieser frühen Tradition ereignete sich 1904, als der berühmte Amateurklub Corinthians den amtierenden FA-Cup-Sieger Bury mit 10:3 besiegte.
Vier Jahre später wurde der neue Football Association Charity Shield eingeführt. Einer der Teilnehmer der ersten Ausgabe war Manchester United, das gerade die erste Meisterschaft seiner Vereinsgeschichte gewonnen hatte. Gegner war Queens Park Rangers, Meister der Southern League.
Das erste Spiel an der Stamford Bridge endete 1:1 und machte ein Wiederholungsspiel notwendig. Manchester United gewann die zweite Begegnung mit 4:0.
Damit entstand eine der kurioseren Besonderheiten in der Geschichte des Wettbewerbs: Nach der Erstaustragung von 1908 war für den Shield nie wieder ein Wiederholungsspiel nötig.
Heute liegt die Annahme nahe, dass der Shield schon immer zwischen dem Meister und dem FA-Cup-Sieger ausgespielt wurde. Tatsächlich war das Format in den Anfangsjahren deutlich wechselhafter. Im Laufe der Zeit traten unterschiedliche Kombinationen aus Profiteams, Amateurauswahlen und Gewinnern verschiedener Wettbewerbe an. Der Shield veränderte sich gemeinsam mit dem englischen Fußball, bis er schrittweise die Form annahm, die wir heute kennen.
1974: Das Jahr, in dem der Shield seine moderne Identität fand
Der entscheidende Wendepunkt kam 1974.
Ted Croker, damals Sekretär der Football Association, schlug vor, den Charity Shield in Wembley auszutragen und ihn zu einem klar erkennbaren Eröffnungsereignis der neuen Saison zu machen. Auch die Teilnehmer wurden nun eindeutig definiert: der amtierende Meister und der FA-Cup-Sieger.
Heute wirkt diese Idee so selbstverständlich, dass leicht vergessen wird, wie anders der Wettbewerb zuvor ausgesehen hatte. Vor 1974 wurde der Shield in verschiedenen Vereinsstadien ausgetragen, und in manchen Jahren nahmen sogar Mannschaften teil, die in der Vorsaison keinen der großen Titel gewonnen hatten.
Der Umzug nach Wembley verlieh dem Spiel eine neue Identität. Seine Verbindung zum wohltätigen Zweck blieb bestehen, zugleich wurde es aber zu einer zeremoniellen Brücke zwischen einer Saison und der nächsten.
Die erste Ausgabe in Wembley war alles andere als ein ruhiger Saisonauftakt. Liverpool und Leeds United trennten sich 1:1, ehe Liverpool im Elfmeterschießen gewann. In Erinnerung blieb die Partie allerdings vor allem wegen der Platzverweise gegen Kevin Keegan und Billy Bremner.
In gewisser Weise brachte dieser Nachmittag genau den Widerspruch auf den Punkt, der den Community Shield bis heute begleitet. Oft wird er als Teil der Saisonvorbereitung bezeichnet, doch die Spieler auf dem Platz verhalten sich nur selten so, als stünde nichts auf dem Spiel.
Diese Spannung gehört weiterhin zum Charakter des Wettbewerbs. Der Shield ist das erste ernsthafte Spiel der neuen Saison, findet aber zu einem Zeitpunkt statt, an dem die Mannschaften noch nicht vollständig im Rhythmus sind. Trainer testen möglicherweise noch Neuzugänge, die Spieler befinden sich auf unterschiedlichen Fitnessständen, und das Transferfenster ist oft noch geöffnet.
Trotzdem wartet ein echter Pokal darauf, in die Höhe gestemmt zu werden. Sobald die Mannschaften vor einer großen Kulisse auf den Rasen treten, wirkt die Bezeichnung „Freundschaftsspiel“ schnell etwas zu klein.
Vom Charity Shield zum Community Shield
Den größten Teil seiner Geschichte war der Wettbewerb als FA Charity Shield bekannt. 2002 wurde er in FA Community Shield umbenannt.
Arsenal gewann die erste Ausgabe unter dem neuen Namen mit einem 1:0 gegen Liverpool.
Die Namensänderung bedeutete keineswegs das Ende des sozialen Gedankens. Im Gegenteil: Das Wort „Community“ brachte diesen Aspekt sogar deutlicher zum Ausdruck. Die Einnahmen aus dem Spiel unterstützen weiterhin Fußball- und Wohltätigkeitsprojekte in verschiedenen Teilen Englands und verbinden damit eines der sichtbarsten Spiele des nationalen Kalenders mit Initiativen weit unterhalb der Spitze der Fußballpyramide.
Das verleiht dem Shield einen ungewöhnlichen Platz im modernen Fußball.
Auf der einen Seite steht die gewaltige kommerzielle Welt der Premier League mit global bekannten Vereinen und einigen der wertvollsten Spieler des Sports. Auf der anderen Seite stehen lokale Fußballprogramme, gemeinnützige Organisationen und soziale Projekte. Für zumindest einen Tag im Jahr werden diese unterschiedlichen Ebenen des englischen Fußballs durch dasselbe Ereignis miteinander verbunden.
Vielleicht lässt sich der Charakter des Wettbewerbs genau hier am besten verstehen. Beim Community Shield geht es nicht nur darum, einen weiteren Pokal in die Vitrine zu stellen. Seine Identität trägt seit jeher eine Bedeutung, die über 90 Minuten hinausgeht.
Wembley, Cardiff und eine wandernde Tradition
Für die meisten heutigen Fans gehören Community Shield und Wembley ganz selbstverständlich zusammen. Doch der Wettbewerb war nie ausschließlich an ein einziges Stadion gebunden.
Von 1974 bis 2000 wurde Wembley zum festen Zuhause des Shields. Als das alte Stadion abgerissen und neu gebaut wurde, zog das Spiel ins Millennium Stadium in Cardiff um – heute das Principality Stadium – und wurde dort von 2001 bis 2006 ausgetragen.
Nach der Eröffnung des neuen Wembley kehrte der Shield nach London zurück, doch auch später gab es Ausnahmen. Wegen der Olympischen Spiele in London fand die Ausgabe 2012 im Villa Park statt, während 2022 das King Power Stadium in Leicester Gastgeber war, weil Wembley für das Finale der UEFA Women's EURO vorbereitet wurde.
2026 wird Cardiff erneut Teil dieser Geschichte.
Da Wembley wegen bereits geplanter Konzerte nicht zur Verfügung steht, kehrt der Community Shield am Sonntag, 16. August 2026, ins Principality Stadium zurück. Premier-League-Meister Arsenal trifft auf FA-Cup-Sieger Manchester City – genau 20 Jahre nach der letzten Austragung in Cardiff.
Auch zwischen den beiden Vereinen gibt es in diesem Wettbewerb eine gemeinsame Geschichte. Arsenal und Manchester City trafen bislang dreimal im Community Shield aufeinander, und alle drei Duelle gewann Arsenal: 4:0 im Jahr 1934, 3:0 im Jahr 2014 und nach einem 1:1 im Elfmeterschießen 2023.
Diesmal sind die Rollen klar verteilt. Arsenal kommt als englischer Meister, Manchester City als FA-Cup-Sieger. Und die Bühne ist nicht Wembley, sondern Cardiff.
Ein Pokal oder ein Freundschaftsspiel?
Jeden Sommer kehrt im englischen Fußball dieselbe Frage zurück: Zählt der Community Shield wirklich als großer Titel?
Für die unterlegene Mannschaft ist die Antwort oft bequem: Es war nur Saisonvorbereitung.
Für den Sieger ist es die erste Trophäe der neuen Spielzeit.
Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen.
Der Community Shield besitzt nicht das Gewicht der Premier League, des FA Cups oder der europäischen Wettbewerbe. Keine Saison wird letztlich danach beurteilt, ob ein Klub dieses Spiel im August gewonnen oder verloren hat. Aber das macht die Veranstaltung nicht bedeutungslos.
Fußball besteht nicht nur aus den Titeln, die am Ende einer Saison aufgelistet werden. Er lebt auch von Ritualen, Daten, Stadien, Reisen und vertrauten Bildern. Aus diesen Dingen entsteht die Erinnerung an das Spiel.
Und genau dort liegt ein großer Teil des Wertes des Community Shield.
Ein Neuzugang kann erstmals in einem ernsthaften englischen Wettbewerb auflaufen. Der Meister kehrt mit dem Titel im Rücken auf die große Bühne zurück. Der FA-Cup-Sieger beginnt die neue Spielzeit mit der Erinnerung an seinen Triumph in Wembley. Und die Fans bekommen zum ersten Mal eine ernsthafte Gelegenheit zu sehen, ob all die Ideen, über die im Sommer gesprochen wurde, auch auf dem Platz funktionieren.
Wenn der Schiedsrichter anpfeift, mag das Transferfenster noch geöffnet sein – aber der Fußball fühlt sich plötzlich wieder real an.
Von 1908 bis 2026: Was sich nicht verändert hat
Die Ausgabe 2025 zeigte erneut, wie schnell der Community Shield Teil der Geschichte eines Vereins werden kann.
Crystal Palace kam nach Wembley, nachdem der Klub mit dem FA Cup den ersten großen Titel seiner Geschichte gewonnen hatte, und traf dort auf Premier-League-Meister Liverpool. Die Partie endete 2:2, ehe Palace das Elfmeterschießen mit 3:2 für sich entschied und den Community Shield einem ohnehin bemerkenswerten Kapitel der Vereinsgeschichte hinzufügte.
Manchester United bleibt mit 21 Erfolgen der erfolgreichste Klub in der Geschichte des Wettbewerbs. Dahinter folgen Arsenal mit 17 und Liverpool mit 16 Siegen.
Doch mehr als ein Jahrhundert Geschichte auf eine Rangliste der Gewinner zu reduzieren, würde genau das übersehen, was diesen Wettbewerb interessant macht.
Der Shield hat überlebt, weil er sich gemeinsam mit dem englischen Fußball verändert hat. Er entstand in einer Zeit, in der Amateure und Profis in sehr unterschiedlichen Welten des Spiels lebten. Er erlebte die Entwicklung Wembleys, den Aufstieg des Fernsehens, die Geburt der Premier League und die Verwandlung englischer Vereine in globale Institutionen.
Als Manchester United und Queens Park Rangers 1908 an der Stamford Bridge aufeinandertrafen, gab es weder die Premier League noch das moderne Wembley oder eine Fußballindustrie, die der heutigen vergleichbar wäre.
Wenn Arsenal und Manchester City 2026 den Rasen des Principality Stadium betreten, wird fast alles um sie herum anders sein.
Doch am Spielfeldrand wird dieselbe Idee stehen.
Ein silberner Schild.
Die feine Linie zwischen der Saison, die beendet ist, und jener, die gerade beginnt.
Und eine alte Tradition des englischen Fußballs, die wieder einmal verkündet, dass der Sommer sich seinem Ende nähert.